Wappen der Hamburgischen Bürgerschaft

Dr. Christel Oldenburg MdHB

16.12.2019 16:34 Kategorie: Kolumne

Neue Geschäftsmodelle – hilft der Online-Handel wirklich gegen die Verödung der Innenstädte?


Foto: Lucas Kaufmann - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67010545

 

Foto: Lucas Kaufmann - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67010545

 

Jetzt in den Adventswochen brummt im Handel natürlich das Geschäft – in den großen Einkaufsstraßen drängen sich die Kunden, der Handelsverband Deutschland (HDE) als Branchenorganisation konstatierte bereits vor dem ersten Advent bei einer Umfrage unter 350 Einzelhändlern allgemeine Zufriedenheit mit den Umsätzen und prognostiziert dem deutschen Einzelhandel für das laufende Weihnachtsgeschäft einen neuen Rekord: Erstmals sollen die Umsätze im November und Dezember die 100-Milliarden-Euro-Marke übertreffen.

Die für den Handel auf den ersten Blick erfreuliche Meldung erweist sich bei genauerer Betrachtung allerdings als janusköpfig: Besonders stark werde sich voraussichtlich der Online-Handel entwickeln; er kann mit einen Umsatz von 15 Milliarden Euro und damit ein Plus von knapp elf Prozent im Vergleich zum vergangenen Weihnachtsgeschäft rechnen.  

Das Nachsehen hat wie schon seit Jahren der stationäre Handel: »In vielen Innenstädten aber berichten vor allem mittelständische Unternehmen von schwachen Kundenfrequenzen«, teilte der Verband mit. Besonders die Branchen Mode, Elektronik und Wohnen würden durch das wachsende Online-Geschäft aus dem Markt gedrängt.

Die Folgen sind bekannt, zum Teil auch vor unserer eigenen Haustür zu betrachten: Sieht man von den Top-Einkaufsstraßen ab – in Hamburg etwa die Mönckebergstraße oder der Jungfernstieg – dann hat es der stationäre Facheinzelhandel auch in ehedem wohlbekannten Einkaufslagen schwer, bei hohen Mieten und Nebenkosten auf seine Umsätze und damit notwendige Margen zu kommen.

Die Folgen sind Leerstände in den Einkaufsstraßen oder die Verödung durch die Ansiedlung der immer gleichen, standardisierten und umsatzstarken Handelsketten. Auch in Bergedorf im Sachsentor ist etwa dieser Trend zu beobachten.

Nun könnte dem HDE zufolge ausgerechnet der Online-Handel den stationären Geschäften bei der Behauptung ihrer Marktposition helfen und somit der Verödung der Innenstädte entgegenwirken – wie das?

»Überdurchschnittlich zufrieden« hätten sich Einzelhändler gezeigt, die ihre Produkte sowohl in stationären Stores als auch online anbieten, erklärte der HDE. Dieses Konzept sieht vor, das Kunden sich das Angebot bereits im Internet ansehen, bestellen und zur Abholung im Ladengeschäft zurücklegen lassen können. Mit dieser »Dual-Channel«-Strategie arbeiten bereits große Ketten, speziell aus der Elektonik-Branche, etwa Saturn, MediaMarkt oder Expert.

Der Aufwand für das Betreiben eines Online-Shops mit gleichzeitiger Bereitstellung im stationären Geschäft ist allerdings beträchtlich, es bleibt abzuwarten, ob auch kleinere Facheinzelhändler von diesem Konzept profitieren können.

Zudem dürften wegen der hohen Ladenmieten in den Innenstädten vor allem margenstarke Branchen die Einkaufsstraßen besiedeln, der klassische Obsthändler oder Fleischer wird weiterhin Schwierigkeiten haben, in solchen Lagen angemessene Erträge zu erwirtschaften.

Es geht bei der Belebung der Innenstädte also nicht nur um die Verhinderung von Leerständen in Geschäftsräumen, sondern auch um den attraktiven Branchenmix. Solange die Grundeigentümer aber lieber einen Leerstand in Kauf nehmen, als auf hohe Gewerbemieten zu verzichten, wird die Reaktivierung der Innenstädte ein Problem bleiben.

Auch in Bergedorf gibt es erste Überlegungen, mehr Leben in die City zu bringen, etwa durch die bevorzugte Ansiedlung von Gastronomie- und Erlebnisbetrieben – allerdings ist dieses Konzept noch nicht vollends ausgereift, könnte gerne noch weitere attraktive Ideen vertragen.

Die Kopplung von Online- und stationärem Handel allein jedenfalls dürfte meines Erachtens nicht ausreichen, frischen Wind in unsere Innenstädte zu tragen.

Christel Oldenburg