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Dr. Christel Oldenburg MdHB

13.01.2020 16:59 Kategorie: Kolumne

Der neue SPIEGEL-Webauftritt – wir scrollen uns zu Tode


Screenshot: Webarchive.org/Montage: wm

Screenshot: Webarchive.org/Montage: wm

Die Tochter des »Sturmgeschützes der Demokratie« hat sich ein neues Kleid angezogen, dreht sich eitel vor dem Spiegel und fragt beifallheischend ihre bisherigen Bewunderer: »Na, gefalle ich Euch?«

Die Antwort fällt ernüchternd aus: »Ähm, nö.«

Die Rede ist vom neuen Design der SPIEGEL-Onlineausgabe, bisher kurz SPON genannt (SPIEGEL ONLINE).

Seit Mittwoch vergangener Woche ist der »Relaunch« der bisherigen SPON-Website online, begleitet von einer »Dachmarken-Kampagne« des Verlages und vielen Artikeln der Spiegel-Redaktion zum neuen Webauftritt.

Normalerweise verweigere ich mich dem großtuerischen Gestus vieler Unternehmen, ihren Namen in Versalien zu schreiben, aber heute sei eine Ausnahme gemacht, schließlich handelt es sich um die Störung einer langjährigen Freundschaft, gar Leidenschaft:

SPIEGEL ONLINE hat mich zuverlässig durchs Leben begleitet, seitdem ich auf Internet-Kommunikationsmedien zugreifen konnte, das sind schon einige Jahre.  

Nach dem Relaunch ist die SPIEGEL-Website für mich jedoch schlicht schwer genussfähig – bisher schaute ich nahezu stets mobil beim Spiegel vorbei (etwa in der S-Bahn), um mir schnell und unkompliziert einen Überblick über die neuesten Nachrichten zu verschaffen. Das bisherige SPON-Websitelayout war aufgrund seiner Kompaktheit dafür bestens geeignet.

Dieser Übersichtlichkeit und Unkompliziertheit mangelt es dem neuen Webauftritt unter Spiegel.de zur Gänze: Das Layout wirkt unstrukturiert, überladen mit verschiedenen Schrifttypen, disharmonisch in den Proportionen – und es zwingt interessierte Leser zum nahezu unendlichen Scrollen.

Ich stehe mit dieser Ansicht nicht alleine da; in den Leserbriefen zum neuen Webauftritt hagelt es Kritik am Erscheinungsbild, an der massiven funktionalen Degradierung des bisherigen Leserforums und an diversen, nicht nachvollziehbaren Änderungen mehr.

Dabei kommen die Leser auch auf den schleichenden inhaltlichen Wandel des Online-SPIEGELs zu sprechen: Früher war mehr Politik, heute ist es Boulevard.

In ihren zahlreichen Erklär-Artikeln zum neuen Online-Design des SPIEGEL klopfen die Verantwortlichen nicht nur sich selbst kräftig auf die Schulter (zum Teil im gruseligsten Marketing-Sprech), sondern erläutern auch die Hintergründe für den Relaunch der Website und der dahinter stehenden Technik:

Am plausibelsten erscheint die Aussage, dass die technische Aufbereitung der Spiegel-Website nach 25 Jahren einfach veraltet und fehleranfällig geworden sei. Dieses Argument ist durchaus nachvollziehbar.

Schon fragwürdiger wird es bei der Begründung, das neue Design diene der Aufgeräumtheit und Übersichtlichkeit – dem kann ich nun überhaupt nicht zustimmen.

Den Wechsel in der inhaltlichen Ausrichtung (mehr Boulevard und Lifestyle) begründen die SPIEGEL-Verantwortlichen nicht mit monetären Erfordernissen (mehr Umsatz mit neuen Leser-Zielgruppen), sondern mit angeblich funktional-ästhetischen Überlegungen: Der SPIEGEL-Webauftritt solle »magaziniger« werden, was immer das zu bedeuten hat. Gelitten unter dem dem »magazinigen« Design auf jeden Fall der Wert des SPIEGELs als schnelle, übersichtliche Online-Nachrichtenquelle.

Mein Interesse am SPIEGEL als bisher gerne genutztes Online-Medium hat abgenommen.

Ich hoffe, dass die Kritik am neuen Online-Design des SPIEGEL Beachtung findet.

Jenen Lesern, denen es ähnlich geht, sein ein letzter Blick auf das alte, geliebte SPON-Design gegönnt:

https://web.archive.org/web/20191213021047/https://www.spiegel.de/

Christel Oldenburg