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Dr. Christel Oldenburg MdHB

20.01.2020 15:09 Kategorie: Kolumne

Zu viel Nitrat, zu wenig Ertrag – Landwirte in der Klemme


Am vergangenen Freitag, zum Beginn der Internationalen Grünen Woche in Berlin, gingen bzw. rollten viele Bauern aus Deutschland auf die Straße, um mit einer Treckerdemo gegen das im September 2019 beschlossene Klima- und Agrarpaket der Bundesregierung zu protestieren.

Dieses umfangreiche Maßnahmenbündel sieht u. a. eine Neuverteilung der EU-Fördermittel an die landwirtschaftlichen Betriebe unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit vor, einen verbesserten Insektenschutz und die Förderung der Biodiversität, verschärfte Regeln bei der Düngeverordnung (bzw. beim Nitrateintrag ins Grundwasser) und die Einführung des freiwilligen Tierwohl-Labels, über dessen Sinn oder Unsinn noch heftig diskutiert wird.

Die protestierenden Bauern der Initiative »Land schafft Verbindung« (LSV) wenden sich mit ihrer Treckerdemo vor allem gegen die neue Düngeverordnung. So soll wegen der vielerorts grenzwertüberschreitenden Nitratbelastung des Trinkwassers das Ausbringen von Gülle eingeschränkt werden  – in den letzten 15 Jahren haben Deutschlands Bauern einfach zu viel gedüngt, jetzt macht auch die EU Druck auf die Bundesregierung, den Nitrateintrag endlich zu reduzieren. 

Während Vertreter der für das Trinkwasser verantwortlichen Wasserwirtschaft die Einschränkungen begrüßen, aber für noch zu gering halten, befürchten die Bauern Ertragseinbußen, wenn sie weniger düngen dürfen.

Zudem fordern die Landwirte »faire« Lebensmittelpreise, um betriebswirtschaftlich über die Runden kommen zu können. Durch strengere Auflagen, den wachsenden Preisdruck und steigende Investitionskosten sehen viele Landwirte ihre Existenzgrundlage bedroht.

Die Befürchtungen der Landwirte zur ökonomischen Trag- und Überlebensfähigkeit ihrer Betriebe sind nicht von der Hand zu weisen – die Bauern sehen sich nicht nur im regionalen, sondern im internationalen Wettbewerb einer scharfen Konkurrenz ausgesetzt. Sollten die Landwirte etwa versuchen, sich gemeinschaftlich mit Preisforderungen gegenüber ihren Abnehmern durchzusetzen (etwa Molkereien oder der Lebensmitteleinzelhandel), dann steht sofort ein Anbieter aus dem nahen Ausland mit günstigeren Preisen auf der Matte.

Die Dramatik eines solchen Preisverfalls wurde etwa bei der »Milchkrise« 2016 deutlich – damals lag der durchschnittliche Preis pro Liter Milch über Monate bei 20 Cent. Zwei Jahre zuvor erhielten die Bauern noch das Doppelte. In der Konsequenz mussten viele Milchviehbetriebe aufgeben, quer durch die Republik nahm das Höfesterben seinen Lauf.

Insofern ist die Forderung der Landwirte nach fairen Preisen vollkommen gerechtfertigt.

Nicht nachvollziehbar ist jedoch der Protest gegen den verstärkten Artenschutz und die Düngebeschränkungen, weil die Argumente zu kurz greifen:

Eine Landwirtschaft, die sich nur dann als ökonomisch tragfähig betrachtet, wenn sie gleichzeitig die Schädigung unserer Lebensressourcen quasi als Kollateralschaden in Kauf nimmt, kann auf Dauer nicht überleben. Konventionelle Landwirtschaft und Umweltschutz stehen nach der jetzigen Verwertungslogik noch in einem Konkurrenzverhältnis, und genau da müssen ein Umdenken und eine Verhaltensänderung einsetzen.

Dieser Meinung waren übrigens auch die Teilnehmer der zweiten Demo in Berlin, einen Tag später am Samstag: Die Initiative »Wir haben es satt« ist ein Zusammenschluss aus Ökobauern und Umweltschützern und demonstriert bereits seit zehn Jahren zu Beginn der »Grünen Woche« gegen Gentechnik, Tierfabriken, Pestizide und Kunstdünger. Mittlerweile wird die Agrarindustriekritische Initiative auch von konventionell wirtschaftenden Bauern unterstützt.  

Die Initiative fordert eine Agrarwende, mehr Klimaschutz und Hilfen für die Bauern beim Umbau der Landwirtschaft. Das von der Bundesregierung im September verabschiedete Agrarpaket sehen die Initiatoren allerdings kritisch.

Fazit: Die konventionelle Landwirtschaft in der Bundesrepublik befindet sich tatsächlich in der Klemme, der Konflikt wird noch andauern. Wir Verbraucher können aber unseren Teil dazu beitragen, den Umbau in der Landwirtschaft zu unterstützen – durch ein bewussteres Einkaufsverhalten und die Bereitschaft, für gute Lebensmittel auch angemessene Preise zu zahlen.

 

Christel Oldenburg