Wappen der Hamburgischen Bürgerschaft

Dr. Christel Oldenburg MdHB

14.04.2020 16:36 Kategorie: Kolumne

Corona und die Folgen (2): Ein Plädoyer für gesellschaftliche Vernunft


In einem lesenswerten Beitrag im »Spiegel« äußerte sich am 7. April Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zu den gesellschaftlichen Konsequenzen der Ein- und Beschränkungen unserer Handlungs- und Bewegungsfreiheit, um die Corona-Infektionskurve soweit abzuflachen, dass unser Gesundheitssystem nicht kollabiert:

»Der demokratische Diskurs im Ausnahmezustand«, so lautet der Titel seines Gastbeitrages, handelt, kurz gesagt, von den Risiken, aber erst recht von den Chancen für unsere offene Gesellschaft, die sich aus der Konfrontation mit der Coronavirus-Pandemie ergeben können.

»Das Ausmaß, in dem wir in diesen Tagen unser gewohntes Leben beschränken müssen, ist für eine moderne Demokratie eigentlich unvorstellbar«, schreibt Carsten Brosda, konstatiert aber zugleich eine hohe Akzeptanz der Anordnungen und Verfügungen, die »wir noch vor Kurzem zu Recht als gezielte Anschläge auf die Grundfesten unserer freiheitlichen Gesellschaft gegeißelt hätten.«

Als treibende Kraft für diese Akzeptanz macht Brosda die alles überlagernde Angst vor den Folgen des Coronavirus aus – Covid-19 fordere die Grundlagen unseres Lebensmodells frontal heraus, die »narzisstische Kränkung, eben doch verletzlich zu sein, schmerzt.«

In einer überschießenden Reaktion verlangten in den sozialen Netzwerken nicht wenige Bürger eine harte Hand des Staates, um die Einschränkung ihrer Freiheitsrechte und eine Ausgangssperre durchzusetzen. Diese mehr emotional als rational motivierten Rufe nach dem starken Staat hätten wohl auch manchen Politiker animiert, sich als konsequenten, durchsetzungsfähigen »Macher« zu inszenieren; solche politischen »Übersprungs- und Überbietungshandlungen« seien jedoch die Ausnahme geblieben.

Im Gegenteil, letztlich bemühe sich die Politik in Deutschland fern jeder Kriegsrhetorik fortgesetzt darum, »Bürgerinnen und Bürger als eigenverantwortliche und vernünftige Menschen anzusprechen.«

Dieser Appell an die Vernunft ohne Herrschaftsattitüde äußere sich unter anderem in einer differenzierten, rational nachvollziehbaren Begründung der jeweils verfügten Maßnahmen – so gebe es funktional, also in der Wirkung, wohl keinen großen Unterschied zwischen einer Kontaktbeschränkung und einer Ausgangssperre, sehr wohl aber in der Begründungslogik: Die Kontaktbeschränkung verfolge nur das Ziel, Infektionsrisiken durch den Abstand der Menschen zueinander zu minimieren, hindere die Bürger aber sonst nicht daran, sich frei zu bewegen.

Diese präzise Begründungslogik könnte sich auch in der demokratischen Debatte um die Zukunft unserer Gesellschaft nach der Corona-Pandemie als wertvoll erweisen, weil sie das »vernünftige Gespräch« als kommunikative Grundlage voraussetzt und auch einfordert.

Zum Tragen kommt diese Verständigung auf die Vernunft als Leitfaden des öffentlichen Diskurses vor allem bei der Frage, wie wir als demokratische Gesellschaft mit den offenkundigen Widersprüchen der aktuellen Situation umgehen wollen: einerseits die Sorge um unser aller Gesundheit und Leben, andererseits die offenkundigen Beschränkungen unserer direkten, physischen Kontakte untereinander.  

»Es ist die Aufgabe einer freien, demokratischen und offenen Gesellschaft, die Debatte darüber zu führen, wie wir den Ausgleich zwischen diesen jeweils fundamentalen Ansprüchen gewährleisten können«, schreibt Carsten Brosda und schließt mit den Worten: »Der demokratische Diskurs braucht keinen Ausnahmezustand.«

Mich überzeugt Carsten Brosdas Beitrag durch seine überlegt-vernunftbetonte Argumentation, die klare und ruhige Sprache in diesen schwierigen Zeiten mit all ihren hitzigen und oft auch überhitzten Debatten.

Gerade wegen und trotz der Ängste und Sorgen, die uns alle umtreiben, sind ein kühler Kopf und ein im besten Sinne solidarisches Gesellschaftsverständnis eine durchaus tragfähige Grundlage, um uns gemeinsam diskutieren und Lösungen finden zu lassen, wie wir zusammen leben wollen – jetzt und erst recht nach Corona.  

Die Evolution hat uns neben vielen Schwächen auch einen durchaus brauchbaren Verstand beschert – wir sollten ihn nutzen.  

Christel Oldenburg