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Dr. Christel Oldenburg MdHB

18.12.2017 10:16 Kategorie: Kolumne

Gabriel fordert eine Debatte über »Heimat« und »Leitkultur« – überflüssig wie ein Kropf


Foto: © A.Savin, Wikimedia Commons

Nicht immer hat(te) die SPD es leicht mit ihrem Sigmar Gabriel; der ehemalige Parteivorsitzende und jetzige geschäftsführende Außenminister war schon immer gut für manchen Klopfer, für manche Spontanaktion ohne nachvollziehbaren Hintergrund.

Nun ist es mal wieder soweit:

In einem Beitrag für den aktuellen »Spiegel« fordert Gabriel die SPD zu einer kritischen Selbstschau auf und plädiert unter anderem dafür, eine parteiinterne Debatte über »Heimat« und »Leitkultur« zu führen.

Och, nein, das hatten wir doch schon …

Natürlich bildet die drastische Wahlschlappe der SPD bei den letzten Bundestagswahlen das aktuelle politische Narrativ, vor dessen Hintergrund Sigmar Gabriel seine Argumentation in dem »Spiegel«-Beitrag entfaltet – so sieht er einen Gegensatz zwischen Umwelt- und Industriepolitik, der auch zur Distanz zwischen der SPD  und ihren klassischen Wählerschichten geführt habe:

»Umwelt- und Klimaschutz waren uns manchmal wichtiger als der Erhalt unserer Industriearbeitsplätze, Datenschutz war wichtiger als innere Sicherheit«, führt er etwas wolkig aus – nun gut, über die Gewichtung vermeintlich konkurrierender politischer Ziele ließe sich ja noch diskutieren.

Auch über eine angebliche gefährliche Konzentration der Sozialdemokraten auf die »Themen der Postmoderne« könnte man sich noch auseinandersetzen, gerne auch darüber, dass die SPD sich wieder stärker um jene Teile der Gesellschaft kümmern müsse, die mit dem »Schlachtruf der Postmoderne Anything goes« nicht einverstanden seien, wie Gabriel wiederum recht nebulös munkelt.

Dabei wüsste ich aber doch gerne, was Gabriel mit der Postmoderne denn nun konkret meint. Gesellschaftliche Entwicklungen fallen nämlich nicht vom Himmel, sondern bedürfen gesellschaftlicher Akteure, die solche Entwicklungen bremsen oder vorantreiben.

Was mir jedoch in der aktuellen Situation vollends überflüssig und unsinnig erscheint, das ist die Forderung von Sigmar Gabriel, mit Blick auf den Rechtspopulismus in Deutschland eine erneute Debatte über so beliebig interpretierbare und deshalb nichtssagende Begriffe wie »Heimat« und »Leitkultur« zu führen:

»Ist die Sehnsucht nach einer ›Leitkultur‹ angesichts einer weitaus vielfältigeren Zusammensetzung unserer Gesellschaft wirklich nur ein konservatives Propagandainstrument, oder verbirgt sich dahinter auch in unserer Wählerschaft der Wunsch nach Orientierung in einer scheinbar immer unverbindlicheren Welt der Postmoderne?«, raunt Gabriel dunkel  – was soll das?

Der Begriff der »Leitkultur« ist eine Schimäre, die eher die Sinne vernebelt als zur gedanklichen und argumentativen Präzision anhält, und »Heimat« ist dort, wo der Mensch sich auf Dauer wohlfühlt; der eine mag die Norddeutsche Tiefebene, dem anderen geht eher in den Bergen das Herz auf.

Das Grundgesetz mit seinen klaren Spielregeln gibt uns allen einen guten Leitfaden an die Hand, das Gesellschaftsleben in Deutschland für alle Seiten auskömmlich zu gestalten; alle sonstigen Ansichten über Kultur und Heimat sind erst einmal Privatsache.  

Im Detail und auf der politischen Ebene können wir ja gerne noch darüber streiten, welchen Stellenwert wir etwa der Kultur generell beimessen – das ließe sich dann ja auch an den Kulturetats der Kommunen, der Länder und des Bundes ablesen.

Eine weitere, bewusst diffuse Debatte über eine ebenso diffuse »Leitkultur«, die braucht es nun aber wirklich nicht. Lass stecken, Sigmar!

 

Auch diese Kolumne wird über Weihnachten eine kleine Pause einlegen und das nächste Mal am 15. Januar 2018 erscheinen. Bis dahin wünsche ich allen Lesern erholsame und besinnliche Feiertage sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr. 

Christel Oldenburg