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Dr. Christel Oldenburg MdHB

05.11.2018 15:12 Kategorie: Kolumne

Das Kreuz mit den »sozialen Medien« – Chance und Gefahr zugleich


Grafik: Designed by Creative_hat / Freepik

Kaum eine technische Neuerung hat unser Kommunikationsgebaren so massiv und rasant beeinflusst wie der Aufstieg des Internets zum weltumspannenden Informations- und Interaktionskanal Nummer eins.

Sozialgeschichtlich betrachtet, hat das Internet in extrem kurzer Zeit zu einer durchgreifenden Umwälzung unserer Verständigung mit- und untereinander geführt, in der Wirkungsmacht sogar die ehedem revolutionären Medien Zeitung, Rundfunk und TV in den Schatten gestellt:

Funktionier(t)en Printmedien, Radio und Fernsehen bei ihren Kommunikationsabläufen strikt als Einbahnstraße nach dem klassischen Sender-Empfänger-Modell, so bietet das Internet heute jedem interessierten Zuhörer und Zuschauer (der bisher nur »Empfänger« der jeweiligen Botschaft war) zugleich die Möglichkeit, bei sehr geringem materiellen Einsatz und nur rudimentären Kenntnissen über die technischen Hintergründe ebenso als »Sender« aufzutreten und seine persönlichen Ansichten der (im wahrsten Sinne) ganzen Welt mitzuteilen.

Dieser revolutionäre Aspekt der digitalen Kommunikation birgt potentiell ein großes gesellschaftliches Befreiungsversprechen in sich, dass nämlich ein jeder mit jedem ohne den vorher zwingend notwendigen Besitz an massenmedialen Produktionsmitteln ins Gespräch treten kann. Diese mögliche kommunikative Idylle stellt sich bei näherer Betrachtung jedoch auch als undurchsichtiger und teils bedrohlicher Dschungel dar:

Als Transportvehikel der weltweiten interpersonalen Kommunikation haben sich neben der heute schon fast belächelten E-Mail vor allem die sogenannten »sozialen Medien« etabliert – Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram und Snapchat seien hier nur beispielhaft genannt.

Diese »sozialen Medien« sind überwiegend aber gar nicht sozial, sondern strikt profitorientierte, us-amerikanische Konzerne mit einer kaum zu kontrollierenden Marktmacht, allen voran Facebook (zu dem auch Twitter und Instagram gehören). Vor allem Facebook fiel in den vergangenen Jahren wiederholt negativ auf, weil die Plattform sich zum Sammelbecken für Hassprediger, Trolle und Initiatoren von Mobbingattacken entwickelte – erst nach massivem politischen Druck steuert Facebook seit kurzem den übelsten Auswüchsen etwas entgegen.

Mulmig kann einem auch werden angesichts des offenkundig beträchtlichen Erfolges, mit dem sich reaktionäre und rechtsextreme Politiker der »sozialen Medien« bedienen, um ihre Hetzbotschaften, Lügen und Verleumdungen unters Volk zu bringen – US-Präsident Donald Trump etwa nutzt exzessiv Twitter für seine kruden Verlautbarungen, der neugewählte rechtsextreme brasilianische Präsident Jair Bolsonaro gilt als glühender Trump-Fan und nutzte bei seiner Wahlkampagne ebenfalls die Dienste von Facebook.

Der Erfolg, mit dem reaktionäre, antidemokratische Politiker und Parteien Facebook, Twitter und Co.  zur Kommunikation mit ihrer Anhängerschaft nutzen, ist erschreckend – immer mehr Menschen lassen sich von den Filterblasen der »sozialen Medien« beeinflussen, ohne wirklich wissen zu wollen, wie die Welt tatsächlich aussieht – im Gegenteil: Studien zum gesellschaftspolitischen Wirken der marktbeherrschenden »sozialen Medien« legen eine signifikante Korrelation etwa zwischen häufiger Facebook-Nutzung und geringen Kenntnissen über politische Zusammenhänge nahe.

Stellen Kommunikationsplattformen wie Facebook und Twitter also theoretisch eine begrüßenswerte Bereicherung des gesellschaftlichen Interaktions- und Kommunikationsinstrumentariums zum Wohle aller dar, so zeigt sich in der Praxis, dass gerade antidemokratische Kräfte die »sozialen Medien« nach Kräften nutzen, um zu spalten, zu denunzieren und zu hetzen.

Wie sollen wir Sozialdemokraten nun angesichts dieses Dilemmas mit den »sozialen Medien« umgehen?  Sollen wir uns ihnen komplett verweigern und auf die traditionellen Kommunikationsformen wie Presse, Rundfunk, TV und das Gespräch vor Ort setzen – oder erst recht den Hetzern, Fake-News-Produzenten und Antidemokraten in den Social-Media-Netzwerken Paroli bieten, indem auch wir massiv bei Facebook et. al. präsent sind?

Ein Patentrezept in dieser Frage kann ich auch nicht anbieten, zumal gerade der Facebook-Konzern zu den größten Verächtern des Datenschutzes gehört, gewaltige Datenbestände über jeden Facebook, Twitter-, WhatsApp-Nutzer sammelt, verknüpft und verwertet – man denke allein an die Daten-Skandale der letzten Monate.

Trotz des schlechten Leumundes von Facebook ist aber die Idee eines für jeden zugänglichen Kommunikationsnetzwerkes an sich nicht verachtenswert – überlegenswert wäre daher eine Diskussion innerhalb der SPD, ob wir nicht auf alternative Plattformen für Facebook, WhatsApp, Twitter und Co. setzen und diese in der öffentlichen Diskussion auch offensiv bewerben sollten – Alternativen gibt es jetzt schon, ihnen mangelt es indes noch an Reichweite.

Daran wird sich aber auch nichts ändern, wenn wir die Vorherrschaft von Facebook und Co. mit all ihren negativen Auswirkungen nur seufzend als leider unumstößlich, quasi als gottgegeben hinnehmen – das sieht sogar die evangelische Kirche anders und plädierte auf ihrem jüngsten Medienkongress für den Aufbau von europäischen Social-Media-Plattformen:

https://www.ekd.de/ev-medienkongress-fuer-europaeische-social-media-plattformen-38765.htm

Dieser Kampf für bessere soziale Netzwerke wird nicht einfach zu führen sein, das ist klar, ?aber einfach kann ja jeder …  

                            

Christel Oldenburg