Wappen der Hamburgischen Bürgerschaft

Dr. Christel Oldenburg MdHB

01.04.2019 14:52 Kategorie: Kolumne

Die »Widerspruchslösung«: Opt-out statt Opt-in bei der Organspende


Heute stellte auf der Bundespressekonferenz in Berlin eine Gruppe Abgeordneter von Union, SPD und Linken um den Bundesgesundheitsminister Jens Spahn die sogenannte »Widerspruchslösung« als Gesetzentwurf zum künftigen Umgang mit Organspenden vor – damit wollen die Initiatoren das Missverhältnis zwischen dem Bedarf an Spenderorganen und der tatsächlichen Anzahl potentieller Spender abmildern.

Seit einiger Zeit scheiden sich an der Frage über die Organspender-Gesetzgebung die Geister: Bisher gilt nur als Organspender, wer sich ausdrücklich dazu bereit erklärt ­und diese Bereitschaft dokumentiert hat, etwa durch einen Organspenderausweis.

Angesichts Tausender Schwerkranker, die auf ein lebensrettendes Spenderorgan warten, sind  jedoch viel zu wenige Bürger zu Organspende bereit. Deshalb sieht der Gesetzentwurf die Umkehrung des Verfahrens vor – grundsätzlich wäre demnach jeder Bundesbürger erst einmal Organspender; wer nicht spenden möchte, müsse diese Entscheidung explizit bekunden.

Jeder könne plötzlich auf ein Spenderorgan angewiesen sein, erklärte etwa der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, der den Gesetzentwurf zusammen mit Jens Spahn, Dr. Georg Nüßlein (CDU) und Petra Sitte (Die Linke) vorstellte: »Will man nicht spenden, sollte man trotzdem zumindest widersprochen haben.«

Der Entwurf sieht vor, dass grundsätzlich alle Personen ab 16 Jahren binnen eines Jahres ausführlich informiert und als Spender registriert werden – es sei denn, sie widersprechen. Diese Entscheidung können sie auch jederzeit revidieren.

Stellt nun ein Arzt den Hirntod potentiellen Spenders fest, soll eine Nachfrage bei einem speziellen Register klären, ob der Patient der Organspende widersprochen hat; ist dies nicht der Fall, gelte er zunächst einmal als Spender.

Danach müsse der Arzt noch den nächsten Angehörigen fragen, ob ihm ein schriftlicher Widerspruch oder ein zu Lebzeiten erklärter Wille des Patienten bekannt sei. Sei das nicht der Fall, sei der Patient automatisch Organspender.

Die bisherige Entscheidungslösung, nach der sich potenzielle Organspender aktiv dafür entscheiden müssen, habe nicht ausreichend gefruchtet, begründete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Entwurf. Karl Lauterbach ergänzte: »Es sterben jedes Jahr um 2000 Menschen auf der Warteliste.«

Die Widerspruchsregelung sei unbürokratisch, ethisch unbedenklich, effizient und sicher.

Das angestrebte Gesetz ist kein deutscher Sonderweg – in 20 von 28 EU-Staaten gelte bereits eine Widerspruchslösung, erläuterte Spahn.

Dennoch ist die Widerspruchslösung umstritten – eine zweite, ebenfalls parteiübergreifende Gruppe von Abgeordneten um die Grünen-Chefin Annalena Baerbock plädiert alternativ für verbindliche regelmäßige Befragungen der Bürger und ein bundesweites Online-Register.

So sollen die Bürger Erklärungen zur Organspende beim Ausweisabholen – also spätestens alle zehn Jahre – in das Register eintragen können. In der Erklärung angeben könnte man wie bisher bei Spendeausweisen Zustimmung, Ablehnung, Ausschluss oder Auswahl bestimmter Organe und eine Übertragung der Entscheidung auf eine andere Person.

Mir erscheint die Widerspruchslösung als »Opt-out«-Verfahren sinnvoller zu sein; wenn jeder erst einmal als Spender in Frage kommt, dürfte die Anzahl der potentiellen Spenderorgane messbar steigen und damit manches Leben gerettet werden können.

Meiner Meinung nach kann ein Mensch mit einer Organspende auch nach seinem Tode noch anderen Menschen helfen, ohne Nachteile fürchten zu müssen – tot ist schließlich tot.

 

Christel Oldenburg